In den Ketten…

ExcelloIn den Ketten der Kindheit gefangen
Nach einem Coming-out sind Schwule andern Männern gegenüber im Vorteil

Von Kurt Wiesendanger
Entfesselungskünstler wie der grosse Houdini oder Excello faszinierten in ihrer Zeit das Jahrmarkt- und Zirkuspublikum. Die Bewunderung galt dem Befreiungsakt aus eisernen Ketten.
Der Psychotherapeut Kurt Wiesendanger zeigt auf, dass jeder von uns in Ketten liegt, in unsichtbaren. Die Befreiung daraus ist nicht mit einfachen Tricks zu bewerkstelligen. Professionelle Unterstützung sprengt die Fesseln und führt zu seelischer Ausgeglichenheit und besserer BeZiehungsfähigkeit.

Sigmund Freud lehrte uns vor über hundert Jahren, dass der Mensch keineswegs «Herr in seinem eigenen Haus» sei. Vielmehr wird sein Erleben und Verhalten zu grossen Teilen von ihm unbewussten Strebungen gelenkt. Auf der einen Seite sind da die Kräfte seiner Triebe, die Freud als «Es» bezeichnete, auf der gegenüber liegenden Seite diejenigen von verinnerlichten Geboten und Verboten, welche er «Über-ich» nannte.
Quasi eingeklemmt dazwischen liegt das «Ich», die bewusste Handlungsabsicht. Doch eben diese wird ständig durch die unbewussten Kräfte des «Es» und des «Über-Ich» gestört. So möchte etwa Peter endlich den herzigen Jungen ansprechen («Ich»), der immer so sympathisch lächelt, nicht zuletzt, weil er sich von ihm auch erotisch angezogen fühlt («Es»). Doch einmal mehr schafft er es nicht, denn eine innere Instanz, die sich ihm als Angst, Scham und Minderwertigkeitsgefühl zeigt und mit starkem Herzklopfen und einer Beklemmung auf der Brust verbunden ist, erlaubt es ihm nicht («Über-Ich»).
Oder Xaver gerät immer wieder an Männer, die an ihm kleben, ihm keine Luft lassen. Er weiss zwar, dass er jeweils möglichst zu Beginn des Kennenlernens seine Bedürfnisse und seine Grenzen kommunizieren sollte, doch es gelingt ihm nicht. Seine Angst, den Andern damit zu verletzen und sich dann dafür schuldig zu fühlen, ist stärker als seine Kraft, sich für seine Freiheit einzusetzen.

In Kindheitsmustern gefangen
Wieso nur gelingt es Peter und Xaver nicht, ihr Handeln anders zu gestalten, wenn sie doch wissen, dass das bisherige Verhalten sie nur in Schwierigkeiten bringt? Dies hat damit zu tun, dass die Kräfte, welche sich hinter ihrem selbstschädigenden Handeln verstecken, ihnen unbewusst sind. Dies wiederum hat seine guten Gründe, denn deren Wurzeln gehen weit in die Kindheit zurück.
Wir alle waren als Kinder nicht nur darauf angewiesen, dass wir genügend Nahrung und ein Dach über dem Kopf bekamen, sondern wir waren auch davon abhängig, von unseren Eltern emotionale Zuwendung zu erhalten. Jedes Kind braucht Anerkennung und Liebe. Doch diese bekommt es häufig nur, wenn es sich an die Regeln hält, die seine Eltern und die Gesellschaft aufstellen. Gehorcht es nicht, bestraft es die Mutter etwa durch Nichtbeachtung oder der Vater durch Massregelung. Wenn es sich hingegen brav und angepasst verhält, erhält es von Mama einen Kuss und von Papa ein Eis. So lernt ein Kind, wie es sich zu verhalten hat, um dafür belohnt zu werden, und es lernt, seine unerwünschten Empfindungen zu verdrängen. Aber es lernt nicht, sein inneres Wesen zu entfalten. Alice Miller bezeichnete dies als «Drama des begabten Kindes».
Bei seinem Drama muss das Kind diejenigen Teile seiner Persönlichkeit verdrängen, die von seinen Bezugspersonen als negativ abgelehnt werden. An die Stelle dieser ins Unbewusste verdrängten Persönlichkeitsanteile übernimmt es sodann die elterlichen oder gesellschaftlichen Gebote und Verbote, denn damit hat es ja Erfolg. Aus solchen kindlichen Prägungen entstehen Beziehungsmuster, von denen auch der erwachsene Mensch unbewusst noch sehr geleitet wird.
So liegen auch Peter und Xaver noch immer in den Ketten ihrer Kindheitserfahrungen. Diese können sie auch nicht «einfach so» durch ein anderes Verhalten sprengen. Vielmehr tut not, die darunter liegenden unbewussten Kräfte in der Tiefe bewusst zu machen. Dabei genügt ein lediglich intellektuelles Nachvollziehen nicht. Erst das tiefe emotionale Verstehen berührt das verletzte (Kinder-)Herz und kann ihm heue ohne Wenn und Aber das geben, was vor Jahrzehnten an Bedingungen geknüpft war: Liebe.
Unbewusstes soll also bewusst gemacht werden, damit der emotional vernachlässigte Junge, der heute längst ein erwachsener Mann ist, von wirklich lebenden inneren Eltern genährt wird.
Dies setzt allerdings voraus, den damaligen Verlustschmerz an seelischer Integrität überhaupt finden zu wollen. Dafür muss zunächst das «Über-Ich» ausgeräumt werden, das die elterliche Erziehung nicht hinterfragen darf.

Coming-out als Schlüsselwissen
Unsere selbst- und fremddestruktiven Erlebens- und Verhaltensmuster, unsere Krankheitssymptome, aber auch unsere Träume und unsere Körpersprache drücken diesen verdrängten kindlichen Verlustschmerz aus und laden uns jederzeit dazu ein, uns als den, der wir wirklich sind, zu akzeptieren. Mit unserem Coming-out haben wir schwule Männer bereits eine diesbezüglich sehr wichtige Erfahrung gemacht. Auch damals ging es darum, uns anzunehmen, nämlich als gleichgeschlechtlich liebenden Menschen.
Das Wissen aus diesem Prozess mag uns denn heute als Schlüsselwissen auch für die Integration weiterer abgelehnter Persönlichkeitsanteile dienen. Der Gewinn daraus besteht in einer höheren seelischen Ausgeglichenheit, welche wiederum unsere Beziehungsfähigkeit zu den Mitmenschen und zu uns selbst begünstigt. Dabei dürfen auch allfällig bereits vorhandene Symptome wie etwa Depressionen, Ängste, Zwänge, Suchtverhalten oder psychosomatische Beschwerden immer mehr in den Hintergrund treten.

Dr. phil. Kurt Wiesendanger
Psychotherapeut FSP und Buchautor

Kurt Wiesendanger studierte Psychologie, Psychopathologie und Pädagogik an der Universität Zürich und promovierte in Klinischer Psychologie an der Universität Basel.
Er ist tätig Referent, Fach- und Buchautor im Thernenteich sexuelle Identität.
Seit 1998 hat der Lehrer für Psychologie eine eigene Praxis.

(Cruiser Oktober 2004, Seite 25)